Telecran
04.06.2005

Partner fürs Leben

Wir gehören zusammen

Die Ehe ist eine Brücke, gebaut aus Liebe und Vertrauen, die die zwei Partner auch in schweren Stunden tragen kann. Nur denkt kaum einer im verliebten Überschwang bei seiner Trauung darüber nach, was es wirklich heißt, "in guten wie in schlechten Zeiten zusammenzuhalten". Für den, der sich dafür entscheidet, einem Menschen mit einer Behinderung die Hand zum Bund des Lebens zu reichen, hat die Formel hingegen eine tiefere Bedeutung. Wenn der Standesbeamte vorträgt, dass Eheleute nach Artikel 212 des Zivilrechts verpflichtet sind, einander Hilfe und Beistand zu leisten, haben diese Worte im Alltag mit einem behinderten Partner ihre unmittelbare Bedeutung.

Harte Probe

Die Geschichte von Nelson Lima, 29, und Myriam Schmit, 28, erzählt davon. Seit dem 21. Mai 2005 sind sie ein Ehepaar. Kennen gelernt haben sich der Ingenieur und die Sekretärin am 21. Januar 2001 bei einem Tanzfest in Keispelt. Dazwischen liegt nicht nur eine Liebes-, sondern auch eine Leidensgeschichte. Denn am 7. September 2001 verunglückte Myriam schwer, schwebte tagelang zwischen Leben und Tod. Die Ärzte konnten sie retten, aber nicht vollständig heilen. Myriam ist seither gehbehindert, auf Krücken und für weitere Fußstrecken sogar den Rollstuhl angewiesen.

Nelson wusste da schon, dass er eine langfristige Entscheidung treffen muss, obwohl sie sich erst so kurz kannten. Sein Vater riet ihm, sich ernsthaft zu fragen, wie er sich seine Zukunft vorstelle. "Nur mit Myriam", war Nelsons Antwort. "Ich wusste, unser Leben ändert sich, wird härter, die Behinderung bleibt, aber Myriam deshalb verlassen, das hätte ich nicht gekonnt."

Nelson und Myriam lernten zusammen, die neue Wirklichkeit zu akzeptieren. Dass sie ihren Sport aufgeben musste, nicht mehr auf zwei Beinen tanzen gehen kann, die Figur sich änderte, Narben sichtbar sind. "Nelson ist ein besonnener, ruhiger Mensch mit klaren Auffassungen", beschreibt Myriam ihren Mann. Das helfe über schwere Momente hinweg.

Im Haushalt sind sie ein eingespieltes Team. Kocht sie, reicht er ihr automatisch die großen Schüsseln und Töpfe von oben, schiebt die schwere Auflaufform in den Ofen, deckt schon den Tisch. Er erspart Myriam so ein ständiges Fragen und Bitten. Rücksicht zu üben, fällt ihm nicht schwer. Denn er bekommt sie auch. So schläft Myriam wegen seines Heuschnupfens im Frühsommer auch bei 30 Grad im Zimmer mit geschlossenen Fenster.

Von seiner Familie und den engen Freunden ist seine Beziehung zu Myriam nie in Frage gestellt worden. "Die halten zu uns und unterstützen uns", sagt Nelson. Womit er noch zu kämpfen hat, sind die aufdringlichen Blicke und ungebetenen Kommentare, denen Myriam sich aussetzen muss, wenn sie sich mit Krücken oder Rollstuhl in der Öffentlichkeit bewegt. Denn er weiß, wie weh ihr das tut. "Dass er immer zu mir gehalten, mit mir gelitten und geweint hat, hat uns eng zusammen geschweißt", sagt Myriam.

Der Heiratsantrag " in der Sylvesternacht, romantisch mit Kniefall, Rosen und Papierherzchen im ganzen Zimmer " kam dann aber doch völlig überraschend für sie. "Mein Herz schlug ganz schnell, ich dachte, ich sei in einem Film", erinnert sie sich. Als er fragte, wie wäre es mit Mai, war sie sprachlos. Da fragte er: Muss ich noch lange warten. Sie: Nein. Er: Wie, nein? Sie: Ja, ja!! Die Fortsetzung folgte auf dem Standesamt in Bettemburg.

Liebe mit Anlauf

Paul Medernach und Isabel Pinto wollen sich am 2. September auf der Gemeinde in ihrem Heimatdorf Steinsel das Ja-Wort geben. Am 10. September treten sie vor den Traualtar. Besser gesagt, Paul Medernach rollt dorthin. Seit einem Unfall als Jugendlicher kann der 36-jährige nicht mehr gehen. Ein Umstand, der seine zehn Jahre jüngere Verlobte, die ihn schon als Jungen aus dem Dorf kannte, nicht daran hinderte, sich mächtig in ihn zu verlieben. Da war sie 19, machte ein Praktikum bei der Gemeindeverwaltung, wo Paul Medernach arbeitet. Aus dem kurzen Flirt wurde aber nichts. Paul, damals 29, ging wegen des Altersunterschieds auf Distanz zu Isabel, der Schülerin.

Erst drei Jahre später " mittlerweile hatte Isabel bei Luxair angefangen zu arbeiten " funkte es so richtig. Anfangs sandten sie sich Emails und SMS, dann folgten gemeinsame Kneipenabende, lange, ernste und auch schonungslose Gespräche " und rasch der Einzug von Isabel bei Paul, der als erprobter Junggeselle vollkommen selbständig war und ist. "Ich muss ihm kaum bei etwas helfen und vergesse im Alltag, dass er im Rollstuhl sitzt", sagt Isabel. Sie sehe Paul als Mann und ihren Partner, nicht als behinderten Menschen. Die wichtigste Frage, so Paul, sei nicht der Rollstuhl, sondern wie man als Partner miteinander umgehe, wie zwei Charaktere sich zu einem Paar zusammenfügen.

Nur bei besonderen Gelegenheiten, bei spontanen Ideen wird es Isabel bewusst, dass sie durch ihre Entscheidung für ein Leben mit Paul auch verzichten können muss. "Dann muss ich schon manchmal schlucken, weil nicht alles möglich ist", erzählt sie. Etwa beim Stadtbummel in Rom romantisch Hand in Hand die Spanische Treppe hinunter zu steigen. "Dann muss ich mir etwas einfallen lassen und singe ihr am Fuße der Treppe eine Serenade", sagt Paul dazu. Sein Humor und Optimismus machten das Leben mit ihm leicht, sagt Isabel.

Ihr Umfeld habe keine Eingewöhnungsphase gebraucht, als klar war, dass sie und Paul ein Paar sind. "Jeder im Dorf kennt Paul, da stellt mir niemand die Frage, warum ich einen Mann im Rollstuhl heirate", sagt Isabel. "Nur ganz neugierige Freundinnen wagen es, die Frage nach dem Kinderkriegen zu stellen", lacht sie und macht kein Geheimnis daraus, dass ihr viel Nachwuchs sehr willkommen wäre. "Ich stamme aus einer großen portugiesischen Familie, mir gefällt die Idee."

Internet sei Dank


Josiane Rommes, Matthias Schmitt und Führhund Urak vor dem Standesamt

Josiane Rommes und Matthias Schmitt heirateten am 20.05.2005 in Luxemburg. Blindenführhund Urak kam mit Smokingfliege zum Standesamt.

Endgültig zusammengebracht hat Matthias Schmitt, 40, und Josiane Rommes, 36, der Umstand, dass ihre Mutter früh und unerwartet starb, nachdem der Vater schon lange tot war. Als Blinde hat Josiane sich zwar mit viel Zähigkeit und Findigkeit eine große Autonomie erworben. Dank ihres Blindenführhundes bewegt sie sich auch mühelos auf gewohnten Alltagsstrecken. "Aber die Vorstellung, dass sie nach dem Tod der Mutter allein im Elternhaus bleibt, gefiel mir nicht", erzählt Matthias. Noch am gleichen Tag bat er Josiane, zu ihm zu ziehen. Den Beschluss, gemeinsam durchs Leben zu gehen, haben der Geschäftsführer einer Internet-Firma und die Staatsangestellte im Polizeidienst schließlich am 20.05.2005 auf dem Standesamt in Luxemburg besiegelt.

Dabei deutete am Anfang ihres Kennen Lernens nichts auf eine Liebesgeschichte hin. Matthias war als Informatiker auf Josianes Homepage im Internet aufmerksam geworden. "Ich schrieb ihr aus purer Neugierde eine Email, da ich wissen wollte, wie eine Blinde mit der Technologie so gut umgehen konnte," erinnert er sich. "Diese Email, die mit "Sehr geehrte Frau Rommes ..' begann, habe ich übrigens bis heute aufgehoben," schmunzelt Matthias. Zwar läuft der damals benutzte Rechner schon lange nicht mehr, aber die Daten gibt es noch.

Es entwickelte sich ein reger, netter Schriftwechsel, der über ein halbes Jahr ging, ohne dass die beiden sich persönlich trafen. Matthias ergriff dann die Initiative, schlug ein Treffen vor, bei dem beide unsicher waren, was sie erwarten würde. Noch etliche Zeit verstrich, bis zum ersten Kuss. Da stand Matthias zu Josianes 30. Geburtstag als Überraschungsgast vor der Haustür " und wenig später saß sie zur Überraschung ihres Hundes plötzlich auf Matthias' Schoß.

"Wir sind also ganz langsam zusammen gewachsen, das Gefühl der Vertrautheit hat sich allmählich aufgebaut", sagt Josiane. "Nur ganz am Anfang der Beziehung hatte ich Bedenken und stellte mir Fragen, wie sich ein Leben auf Dauer mit einer Blinden entwickelt", erinnert sich Matthias. "Als der Moment aber kam, sie bei mir einzog, wusste ich, wir gehören zusammen, ich will immer für sie da sein."

Das Zusammenleben gestaltete sich überraschend einfach für Matthias. "Josiane hat so viel Energie und Lebenslust, ist sehr selbständig, schmiedet gerne Pläne und zieht mich mit", schwärmt er. Natürlich gebe es auch in ihrer Beziehung mal Probleme, wie in jeder anderen Ehe. Aber das liege nicht daran, dass einer der Partner blind sei. Die Behinderung präge aber auch die Beziehung. "Sie ist enger, wir unternehmen mehr zu zweit als vielleicht andere Paare." Gemeinsame Hobbys, das Engagement im Blindenführhundverein, gehören zu ihrem Leben. "Ab und an bin ich die helfende Hand, aber eigentlich braucht meine Frau mich im Alltag nicht", beschreibt Matthias seine Rolle.

Uli Botzler